21. Januar 2026
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4.5 Min. Lesezeit

Last-Mile-Zustellung in europäischen Städten: Herausforderungen und nachhaltige Lösungen

Mit dem Boom des E-Commerce wird die letzte Meile – der letzte Abschnitt vom Umschlagzentrum bis zum Kunden – zu einer der teuersten und umweltschädlichsten Phasen der Supply Chain. Europäische Städte reagieren mit Strategien für urbane Logistik, neuen Regelwerken und innovativen Lösungen...

Logifie Team

Logifie Team

Experten für Logistiktechnologie

Illustration einer europäischen Stadt mit Mikro-Hubs, Lastenrädern und Elektrotransportern, die Pakete durch Umweltzonen liefern, mit Symbolen für dynamische Routenplanung.

Mit dem schnellen Wachstum des Onlinehandels ist die letzte Meile – die letzte Etappe vom städtischen Umschlagpunkt bis zur Haustür des Kunden – zu einem der teuersten und emissionsintensivsten Teile der Lieferkette geworden. Lieferfahrzeuge verstopfen Straßen, konkurrieren mit anderen Verkehrsteilnehmern um begrenzten Raum und stehen im Fokus lokaler Luftreinhalteziele. Viele europäische Städte entwickeln deshalb Strategien für urbane Logistik, führen regulierte Zonen ein und unterstützen neue Liefermodelle. Dieser Beitrag zeigt, wie groß das Problem ist und welche Lösungen sich abzeichnen.

Kurier auf einem elektrischen Lastenrad in einer europäischen Fußgängerzone, historische Gebäude im Hintergrund.
Elektrische Lastenräder ermöglichen leise, emissionsarme Zustellungen in Fußgängerzonen und historischen Innenstädten.

Ausmaß der Herausforderung

Städtischer Güterverkehr versorgt Städte mit Lebensmitteln, Baumaterialien und Paketen, verursacht aber auch Staus, Lärm und Emissionen. Studien zur urbanen Logistik zeigen, dass die letzte Meile häufig mehr als 50 % der gesamten Zustellkosten ausmacht. Schwere Nutzfahrzeuge stellen zwar nur einen kleineren Teil des städtischen Verkehrsaufkommens, können aber bis zu ein Viertel der CO2-Emissionen des Verkehrs und einen hohen Anteil der Feinstaub- und Stickoxidbelastung verursachen. In einer Untersuchung von 16 europäischen Städten gaben 60 % an, erhebliche Schwierigkeiten bei der Steuerung ihrer urbanen Logistik zu haben, und schätzten, dass Warenverkehre für rund 55 % der fahrzeugbedingten Emissionen verantwortlich sind.

Zu den praktischen Problemen zählen begrenzte Ladezonen, wenige Logistikflächen innerhalb der Stadtgrenzen (Logistics Sprawl) und konkurrierende Ansprüche an den Straßenrand, etwa von Lieferdiensten, ÖPNV und privaten Autos. Viele Zustellungen finden in der Hauptverkehrszeit statt, was Staus verschärft. Hinzu kommen Beschwerden von Anwohnern über Lärm und Sicherheit, etwa wenn große Lkw in engen Wohnstraßen rangieren.

Politischer Rahmen und Planung

Nachhaltige urbane Logistikpläne (SULP)

Die Expertengruppe für urbane Mobilität der Europäischen Kommission empfiehlt Städten, neben den bekannten Sustainable Urban Mobility Plans (SUMP) auch Sustainable Urban Logistics Plans (SULP) zu entwickeln. Diese Pläne sollen Warenströme systematisch erfassen, Zielbilder für eine sichere und klimafreundliche Belieferung definieren und Maßnahmenpakete bündeln. Die Empfehlungen von 2024 betonen den Bedarf an EU-weit vergleichbaren Daten, freiwilligem Datenaustausch zwischen Wirtschaft und Städten sowie aktualisierten Leitlinien, die digitale Werkzeuge wie digitale Zwillinge und KI-basierte Simulationen einbeziehen. Ebenso wichtig sind hochwertige Arbeitsbedingungen für Zusteller, kollaborative Logistikmodelle und gemeinsame Umschlagpunkte, die Leerfahrten reduzieren.

Stadtlogistik mit null Emissionen

Auf ihrer Seite zur urbanen Güterlogistik betont die Europäische Kommission, dass städtische Lieferverkehre unverzichtbar sind, gleichzeitig aber unter Staus, Platzmangel und hohen Kosten leiden. Sie empfiehlt, Güterverkehre systematisch in Mobilitätspläne zu integrieren und gemeinsam mit privaten Akteuren SULP-Strategien zu entwickeln. Ein Schwerpunkt liegt auf emissionsfreien Fahrzeugen, neuen Zustellmodellen und multimodalen Lösungen, etwa der Verknüpfung von Fernverkehr mit Bahn, Binnenschiff und städtischer Distribution. Forschungsprogramme unter Horizon Europe unterstützen Pilotprojekte und Living Labs, in denen Städte und Unternehmen neue Konzepte in realen Umgebungen testen.

Innovative Lösungen

In der Praxis setzen europäische Städte und Logistikdienstleister auf einen Mix aus infrastrukturellen, organisatorischen und technologischen Maßnahmen. Typische Bausteine sind Mikro-Hubs in Wohngebieten, der Einsatz leichter Elektrofahrzeuge und Lastenräder sowie digitale Werkzeuge zur Routenoptimierung. Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von Stadtstruktur, Nachfrageprofilen und lokalen Regeln ab.

  1. Mikro-Hubs und Konsolidierung: Kleinere, dezentrale Umschlagpunkte am Stadtrand oder in Quartieren reduzieren Fahrstrecken schwerer Fahrzeuge. Letzte Meter werden mit kleineren, leiseren Fahrzeugen bedient.
  2. Lastenräder und leichte Elektrofahrzeuge: E-Lastenräder und kompakte E-Vans können Umweltzonen und Fußgängerbereiche bedienen, in denen schwere Lkw nicht oder nur eingeschränkt fahren dürfen.
  3. Zeitfenstersteuerung: Lieferungen in Randzeiten oder nachts entzerren den Verkehr, senken Staukosten und erleichtern die Nutzung der vorhandenen Infrastruktur, erfordern aber klare Regeln zu Lärm- und Arbeitsschutz.
  4. Gemeinsam genutzte Zustellplattformen: Durch kooperative Modelle, bei denen mehrere Verlader und Carrier Hubs und Touren teilen, lassen sich Leerkilometer reduzieren und Auslastung erhöhen.
  5. Multimodale Anbindung: Stadtnahe Terminals mit Anbindung an Bahn oder Binnenschiff ermöglichen, dass ein größerer Teil der Strecke emissionsarm zurückgelegt wird, während die letzte Meile lokal erfolgt.

Schritte für Logistikmanager

  • Regulatorische Rahmenbedingungen kartieren: Umweltzonen, Zufahrtsbeschränkungen, Zeitfensterregeln und Lkw-Durchfahrverbote entlang der Routen identifizieren und prüfen, ob die eigene Flotte alle Anforderungen erfüllt.
  • Daten nutzen und teilen: Zustelldaten sammeln, etwa Stopps, Laufleistungen und Verspätungen, diese mit Städten teilen und Kennzahlen wie Kosten pro Stopp, Emissionen und Pünktlichkeit regelmäßig auswerten.
  • In emissionsarme Flotten investieren: Einsatzmöglichkeiten für E-Transporter, E-Lastenräder oder alternative Antriebe prüfen und verfügbare Förderprogramme oder Steuererleichterungen nutzen.
  • Partnerschaften aufbauen: Sich an Stadtlogistik-Foren, Freight Quality Partnerships oder ähnlichen Plattformen beteiligen, um gemeinsame Hubs und Pilotprojekte mit anderen Anbietern zu entwickeln.
  • Innovationen testen: Neue Zustellformate, Mikro-Hubs oder alternative Fahrzeuge zunächst auf ausgewählten Routen pilotieren, Ergebnisse messen und erfolgreiche Ansätze schrittweise ausrollen.

Fazit

Die letzte Meile stellt Städte und Logistikunternehmen vor große Herausforderungen, bietet aber auch Chancen, Lebensqualität und Klimaschutz zu verbessern. Wer SULP-Ansätze verfolgt, in emissionsarme Fahrzeuge investiert und innovative Liefermodelle erprobt, kann Emissionen senken, Staus reduzieren und Kundenerwartungen besser erfüllen. Für Logistikmanager bedeutet das, Last-Mile-Fragen nicht isoliert zu betrachten, sondern als integralen Bestandteil einer nachhaltigen, datengetriebenen Stadtlogistikstrategie.

Quellen

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European strategies for urban logistics: 16 case studies of innovative initiatives (Alyssa Harris, Laetitia Dablanc, 2023) - Untersucht die urbane Logistik in 16 europäischen Städten und zeigt, dass die letzte Meile über 50 % der Zustellkosten ausmachen kann, schwere Nutzfahrzeuge bis zu 25 % der verkehrsbedingten CO2-Emissionen und 30-50 % der Feinstaub- und NOx-Emissionen verursachen und dass Warenverkehre rund 55 % der Fahrzeugs-Emissionen ausmachen.

Alyssa Harris, Laetitia DablancQuelle anzeigen
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Recommendations on Urban Logistics (Expert Group on Urban Mobility, 2024) - Die Zusammenfassung empfiehlt EU-weiten Datenaustausch, aktualisierte SULP-Leitlinien mit digitalen Werkzeugen, Schulungen für lokale Behörden, sichere Arbeitsbedingungen, kollaborative Logistik und geteilte Hubs zur Verringerung von Leerfahrten.

Expert Group on Urban MobilityQuelle anzeigen
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Zero-emission urban freight logistics and last-mile delivery (European Commission, 2024) - Betont, dass städtische Güterverkehre unverzichtbar sind, aber unter Staus, Platzmangel und hohen Kosten leiden, und empfiehlt, Güterverkehre in nachhaltige Mobilitätspläne einzubetten, SULP-Konzepte zu entwickeln, emissionsfreie Fahrzeuge, neue Liefermodelle, dynamische Routenplanung und multimodale Anbindungen zu nutzen.

European CommissionQuelle anzeigen